Wie die Streuobstwiesen in Reddelich das Klima verbessern

Der Klimabeitrag von Streuobstwiesen – Ökosystemleistung zwischen Tradition und Transformation

Sehr geehrte Damen und Herren und sehr geehrte Mitstreiter des Projektes Obstarche Reddelich,

Streuobstwiesen sind eines der artenreichsten Kulturlandschaftselemente Mitteleuropas – doch ihre Bedeutung geht weit über Biodiversität und Kulturerbe hinaus. Angesichts der aktuellen Klimakrise rücken ihre Funktionen als multifunktionale Ökosysteme zunehmend in den Fokus wissenschaftlicher und politischer Diskussionen.

Ich möchte heute den Klimabeitrag von Streuobstwiesen in drei zentralen Dimensionen beleuchten:
Kohlenstoffbindung, Mikroklimaregulation und Resilienzförderung im Landschaftshaushalt.

1. Kohlenstoffbindung und Klimaschutzfunktion

Streuobstwiesen zeichnen sich durch ihre mehrschichtige Struktur aus – bestehend aus hochstämmigen Obstbäumen, extensiv genutztem Grünland und teilweise Strauchschichten. Diese Struktur ermöglicht eine signifikante Kohlenstoffspeicherung sowohl in der ober- als auch unterirdischen Biomasse.

Die langlebigen Obstbäume fungieren als stabile Kohlenstoffsenken. Insbesondere alte Hochstämme können über Jahrzehnte hinweg Kohlenstoff akkumulieren. Gleichzeitig trägt der permanent begrünte Unterwuchs zur Humusbildung bei, wodurch zusätzliche Kohlenstoffspeicher im Boden entstehen.

Im Vergleich zu intensiv genutztem Ackerland weisen Streuobstwiesen daher:

  • höhere organische Bodenkohlenstoffgehalte,
  • eine geringere Störungsdynamik,
  • und langfristigere Speicherpotenziale auf.

Damit leisten Streuobstwiesen einen messbaren Beitrag zur Klimaschutzstrategie im LULUCF-Sektor (Land Use, Land-Use Change and Forestry).

2. Mikroklima und lokale Klimaregulation

Ein häufig unterschätzter Aspekt ist die mikroklimatische Wirkung von Streuobstwiesen. Die Kombination aus Baumkronen und offener Grasnarbe führt zu einer erheblichen Modulation von Temperatur- und Feuchteverhältnissen.

Konkret zeigen Untersuchungen:

  • Reduktion von Hitzespitzen durch Verschattung,
  • geringere nächtliche Wärmeabstrahlung,
  • erhöhte Luftfeuchtigkeit durch Transpiration.

Diese Effekte wirken stabilisierend auf angrenzende Agrarflächen und können lokal zur Abschwächung von Extremwetterereignissen beitragen.

Insbesondere im Kontext zunehmender Hitzewellen und Trockenperioden stellen Streuobstwiesen damit ein wichtiges Element naturbasierter Klimaanpassungsmaßnahmen dar.

3. Förderung von Resilienz und Biodiversität

Die ökologische Resilienz von Landschaften ist eng mit struktureller Diversität und Artenvielfalt verknüpft. Streuobstwiesen bieten Lebensraum für mehrere tausend Arten – darunter zahlreiche Bestäuber, Vögel und Bodenorganismen.

Diese Biodiversität wirkt direkt und indirekt klimarelevant:

  • Bestäuber sichern landwirtschaftliche Produktion,
  • Bodenorganismen fördern Kohlenstoffbindung und Wasserinfiltration,
  • genetische Vielfalt erhöht die Anpassungsfähigkeit an klimatische Veränderungen.

Darüber hinaus reduzieren Streuobstwiesen durch ihre extensive Nutzung den Einsatz von Betriebsmitteln wie Düngern oder Pestiziden, was Treibhausgasemissionen zusätzlich minimiert.

4. Herausforderungen und Zukunftsperspektiven

Trotz ihrer hohen ökologischen und klimatischen Bedeutung sind Streuobstwiesen stark gefährdet. Flächenverluste, Nutzungsaufgabe und mangelnde ökonomische Rentabilität führen zu einem kontinuierlichen Rückgang.

Die zentrale Herausforderung besteht daher darin, ihre Leistungen zu internalisieren und ökonomisch sichtbar zu machen. Mögliche Ansätze sind:

  • Honorierung von Ökosystemleistungen,
  • Integration in Klimaschutzprogramme,
  • Förderung regionaler Wertschöpfungsketten.

Zudem eröffnet die Kombination aus traditioneller Bewirtschaftung und modernen Konzepten – etwa Agroforstsystemen oder biodiversitätsorientierter Landwirtschaft – neue Perspektiven.

5. Fazit

Streuobstwiesen sind weit mehr als Relikte historischer Landnutzung. Sie sind hochfunktionale Systeme mit einem erheblichen Beitrag zum Klimaschutz und zur Klimaanpassung.

Ihr Potenzial liegt in ihrer Multifunktionalität:
Sie verbinden Kohlenstoffspeicherung, Biodiversitätsförderung und mikroklimatische Stabilisierung – und das unter weitgehend extensiven Bewirtschaftungsformen.

Vor dem Hintergrund der notwendigen Transformation unserer Landnutzungssysteme sollten Streuobstwiesen daher nicht als Randerscheinung, sondern als zentraler Baustein nachhaltiger Landschaftsentwicklung verstanden werden.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Dr. Silvia Kastell